Die graue Macht

Kriminalroman von Alfred Schirokauer

 

Aus dem Inhalt:

Assessor Hoff kam die Wilhelmstraße herauf und bog in die »Linden« ein. Jung, stolz und hochgewachsen ging er dahin. In seinem Gesicht strahlte ein verwegenes Siegeslächeln. Wirklich, ja, er war stolz beglückt und zukunftssicher. Er hatte zwar immer dunkel geahnt, er würde seinen Weg machen. Aber dass der Erfolg so bald kam! Dass man ihn beim ersten zaudernden Schritt anerkannte! Das war fast wie ein Reifen aller bunten Blütenträume. Als der erste Band seiner »Geschichte des deutschen Strafrechts« vor einigen Wochen erschien, war er von der wissenschaftlichen Kritik und einigen Tagesblättern sehr lobend begrüßt worden. Das hatte seine Reize und Werte für einen jungen Autor. Aber was bedeutete das dem heutigen Erfolg gegenüber! Heute, ja - das war eine staatliche Prämiierung, obrigkeitliche Patentierung seines Könnens und seiner Auserwähltheit.

Hoff überschritt den Platz vor dem Brandenburger Tor und durchschwelgte immer wieder die Überraschung der letzten halben Stunde. Er konnte es sich jetzt leisten, ehrlich einzugestehen, dass ihm das Herz recht unsanft gepocht hatte während der Viertelwartestunde im Anmeldezimmer des Ministeriums. Er wusste, dass es sich um sein Buch handelte. Das war ihm sofort klar, als er gestern die Order bekam, sich bei dem Dezernenten vorzustellen. Aber wer konnte wissen, was zwischen diesen zwei knappen dienstlichen Zeilen lauerte! Er jedenfalls, trotz allen Grübelns, nicht. Im Großen und Ganzen liebte man oben die schriftstellernden Leute nicht enthusiastisch. Papier ist geduldig, und die Menge leichtgläubig. Man konnte ihr mit einer überzeugenden Geste alles Mögliche Staatsgefährliche vorfabeln. Freilich war sein Buch rein wissenschaftlich und historisch. Ja, war es das wirklich? War es im Grund nicht höchst aktuell? Blitzten nicht, wie von einem fernen Leuchtturm, immer wieder Streiflichter herüber auf die Strafrechtspflege von heute? Und dann, Hoff wusste sehr wohl, dass er aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht hatte. Für scharfe Augen - und der Dezernent stand weiß Gott nicht im Rufe der Kurzsichtigkeit - war zwischen jeder Zeile zu lesen, dass der Herr Verfasser zunächst Mensch war, dann Gelehrter und erst in allerletzter Linie preußischer Beamter. Und ob man diese Reihenfolge oben gerade besonders sympathisch empfand?

Kurz und gut, das Herz hatte ihm gar bänglich gepocht, als er in das Arbeitszimmer des Ministerialdirektors eintrat. Es hatte diese unnötige Kraftvergeudung aber sofort eingestellt, als der sonst so streng blickende Herr mit freundlicher Miene auf den Angemeldeten zukam, ihm die Hand entgegenstreckte und erklärte, er freue sich, die persönliche Bekanntschaft des Herrn Assessors Hoff zu machen.

Als Hoff dann in der bescheidenen Schwebestellung des nichtigen Beamten vor der Allgewalt des Vorgesetzten auf dem angewiesenen Sessel pendelte und der Geheime Oberjustizrat versicherte, er habe das Buch mit großem Interesse gelesen, kehrte die übliche frische Farbe zusehends in Hoffs bleiches Gesicht zurück.

 

Paperback, 232 Seiten

Taschenbuch: ISBN-13: 978-3-7431-6003-3 (12,80 €)

eBook: ISBN-13: 978-3-7431-6030-9 (2,99 €)

 

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