Hesperiden Teil 2: Victor Blüthgens nachdenkliche Märchen

26.09.2019

Nachdenkliche Märchen für Erwachsene

Der Heidegeist - Leseprobe

Es war ein junger Mensch, der hieß Lajosch. Er saß dort, wo die Felder eines ungarischen Heidedorfes aufhörten und die Heide anfing, auf einem Stein und hatte nichts an als ein Paar weite, unten ausgefranste Leinwandhofen und ein weites Leinwandhemd mit einem Gürtel, dazu einen alten schmutzigen Filzhut auf dem pechschwarzen Zottelhaar. So gingen die Leute in dem Heidedorf alle. Er tat nichts, als dass er mit seinen schwarzen träumerischen Augen auf die Heidi hinaussah, auf welcher der Nachmittag lag; und wie weit konnte er sehen! Bis dahin, wo der Himmel und das Graugrün der glatten Ebene sich berührten. Es waren gewiss viele Meilen bis dahin. Der Himmel war wie ein blaues Meer, und die Heide wie ein grünes, am Himmel war nichts zu sehen, und auf der Heide auch nichts. Und eben weil nichts zu sehen war, träumte Lajosch so gedankenlos vor sich hin. Seine Seele war das dritte Meer, auf dem nichts zu sehen war.

Endlich war es ihm doch einen Augenblick, als sähe er etwas, nämlich kleine hellere und dunklere Punkte, die sich bewegten - weit, weil fort in dem Grünen; und nun dachte Lajosch auch etwas: Er dachte, dass es die Pferde eines Tschikosch seien, vielleicht des Tschikosch Sador Pal, den er kannte. Ein Tschikosch ist nämlich ein Pferdehirt in der Heide.

Mit einem mal, er wusste nicht, wie es kam, stand Lajosch auf und ging auf die Heide.

Die Zwiesel fuhren vor seinen Schritten in ihre Löcher; ein paar Raubvögel flogen auf und kreisten über ihm. Er schritt durch das kurze Gras, durch Wolfsmilcharten und Heideblumen, welche die Nachmittagssonne sengte, und dachte, er müsste den Pferden allmählich näher kommen; aber dem war nicht so, und das ärgerte ihn. Er ging desto schneller. Als der Tag sich neigte und die Sonne wie ein Ball vor glühendem Eisen in rötlichen Dunst versank, blickte er sich um: Das Heidedorf war nicht zu sehen.

Lajosch fürchtete sich weder vor der Einsamkeit noch vor dem Schlafen unter freiem Himmel. Er fand zuletzt noch einen kleinen Sumpf mit ein paar alten Pappeln darum, und dort legte er sich auf den Boden.

Aber zu schlafen vermochte er nicht. Er horchte auf die Stimmen der Heide, ein Rascheln, einen Schrei, fernes Gebell und das Glucken aufsteigender Sumpfblasen. Endlich fing er an, die Sterne zu zählen.

Da ging ein Windessausen über die Heide; die Pappelzweige klapperten zusammen und die Blätter zischelten, und Lajosch meinte von weit her Musik zu hören und Pferdegetrappel. Als er sich ein wenig aufrichtete, gewahrte er einen lichten Nebel, in dem sich Rosse tummelten und Gestalten bewegten. Das Sausen schwoll zum Sturm an, Wirbel kreiselten um ihn und schüttelten Staub und dürres Graswerk über ihn, und wie der Sturm, so rasten die Rosse näher mit den Reitern darauf, lange Peitschen flogen und knallten. Hunde bellten und sprangen an den Pferden in die Höhe, und durch alles ertönten ein Zimbal und eine Geige.

»Der Heidegeist!«, sagte Lajosch und duckte sich ins Gras.

Er sah nichts mehr, aber er hörte, wie es rund um den Sumpf sprach: »Guten Abend, Herr!«, und es war, als ob das die alten Pappeln sein müssten, die es sprachen. Da rief eine Stimme:

»Was macht mein Haus im Schilf und Rohr?

Was macht meine Tochter im finsteren Moor?«

Und um den Sumpf herum sagte es:

»Das Häusel ist bland, Euer Kind das steht

Und flicht die Zöpfe beide,

Hat gesponnen von früh bis spät

Pappelwolle zum Kleide.«

»Es ist gut«, sprach die Stimme. »Aufgespielt, ihr Faulen!« Und das Zimbal und die Geige klangen, und was sie spielten, war ein Tschardasch, den Lajosch kannte. Ein Tschardasch ist eine Tanzweise, und ein Zimbal ist ein kleiner Klavierboden mit Saiten, die man mit zwei Klöppeln schlägt.

»Lajosch lag wie ein Toter. Mit einem mal vernahm er ein Schnaufen dicht neben sich, das Schnaufen von Pferdenüstern, und der warme Hauch ergoss sich über seinen Nacken. »Joi!«, rief es rau über ihm, »da liegt ein Bursche. Auf ein Pferd mit ihm!« Und Lajosch hörte Geschnalz und Pferdetritte, die näher kamen, und dann fühlte er, wie es ihn am Gürtel packte und durch die Luft schwang, bis dass er saß. Er öffnete furchtsam die Augen; da fand er sich auf einem Pferderücken und blickte in eine zottige Mähne.

»Wie heißt du?«

»Lajosch.«

»Willst du mit reiten?«

»Ja.«

Er sah einen alten Mann zu Pferd neben sich, mit weiten weißen Beinkleidern, bauschigen Hemdärmeln und offenen Schnürenrock dazu einer Astrachenmütze auf dem Kopf. Sein grauer Bart hing bis auf die rote Pferdedecke und sein Haar bis tief in die Rücken nieder, und durch die gewaltigen Brauen funkelten seine Augen wie Glühwürmer. Das war der Heidegeist. Zwei Zigeuner ritten, der eine hatte das Zimbal vor sich und hämmerte, und der andere geigte. Weiterhin jagten sich wilde Pferde; braune Burschen und langzöpfige Dirnen saßen darauf, nacktfüssig und jauchzend schwangen sie Peitschen, die Pferde im Kreis wirbelnd, dass sie kaum zu erkennen waren, oder wie Pfeile mit ihnen da- und dorthin schießend. Der Sumpf war voll flackernder Lichter, und die Pappeln glichen nicht mehr Bäumen, sondern ehrwürdigen Greisen mit langem graugrünem Haar, die gesenkten Hauptes in das Wasser blickten. Plötzlich wallte das Wasser auf und zerteilte sich; ein schönes schwarzäugiges Mädchen stieg heraus in weißem seidenglänzendem Rock und rotem Mieder mit Goldschnüren und flog auf den Alten neben Lajosch zu, der sie auf sein Pferd hob und küsste, und da sah Lajosch, dass sie zwei schwarze Zöpfe hatte so lang wie sie selber, die ganz mit rotem Band durchflochten waren.

»Hujoh!«, rief der Heidegeist, und jagte bei dem Sumpf vorüber, auf dem die Lichter verloschen; hinter ihm her flogen die Geisterpferde, die Luft sauste und zischte, und wenn der Staub aufflog, war er ein schimmernder Nebel, bis er wieder gesunken war. Sie trafen auf eine Umzäunung, in der eine Herde von Pferden erschreckt umher tobte. Der Heidegeist zeigte auf einen Schimmel, der wie Schnee leuchtete, eine Peitschenschnur traf ihn und er sprang mit einem Satz über den Zaun und der Heidegeist schleuderte das schöne Mädchen durch die Luft, dass sie auf den Rücken des Schimmels flog. Die weiße Mähne flatterte ihr bis in das Gesicht, und sie ergriff ein Haarbüschel und wickelte ihn um die Hand. So saß sie.

Lajosch hatte alle Furcht verloren. Sein Herz in der Brust jauchzte bei dem wilden Ritt, denn er kannte kein größeres Vergnügen als zu reiten; das war es, warum er mit Sador Pal, dem Tschikosch, Freundschaft gehalten hatte, und er wäre selber am liebsten ein Tschikosch geworden. Aber was war ein Ritt auf dem kleinen schwarzen Hengst Sador Pals gegen diese Jagd durch die Sternennacht über der Heide! Die Geister kamen zu ihm heran im Vorüberstreifen und nickten ihm zu, die Männer und die Dirnen, und einmal auch das schöne Mädchen des Heidegeistes; es sah ihm eine Weile ins Gesicht und sprengte dann über Seite. Das Antlitz des einen Mannes kam ihm bekannt vor: Er sah aus wie der Karman Schandor, den er als kleiner Junge gekannt hatte und den mit einem mal niemand mehr gesehen, seit ihn die Panduren gesucht hatten, weil er Pferde gestohlen haben sollte.

Und zum Reiten kam noch die Musik! Man hörte ganz deutlich die schwirrenden Läufe des Zimbal und das wilde Kratzen der Geige, denn die Zigeuner spielten alles so rasch wie man den Frisch, die zweite Hälfte des Tschardasch spielt.

In der Ferne loderte ein Feuer auf; es brannte vor einer verlassenen Heideschenke, dort hielt alles an und sprang von den Pferden. An der Mauer standen Krüge und die Geister tranken; auch Lajosch, und er schmeckte, dass er guten Wein trank, und als er ein paar Tropfen davon auf die Erde schüttete, waren es glühende Funken, die erloschen. Dann tanzte alles, einen Tschardasch nach dem anderen. Lajosch konnte sie alle singen: »Im Waldesdunkel, im dichten Wald«, »Ruhig fließt die Marosch«, »In der Stille hab ich wollen lieben«, und wie sie sonst anfingen. Das Feuer flackerte so lustig, die Tänzer stampften und regten die Hände so wild, die Haare flatterten, die Dirnen flogen im Kreis durch die Luft um die kreischenden Burschen. Und Lajosch tanzte mit; er konnte nicht anders, denn des Heidegeistes Tochter kam und fasste seinen Arm und wollte mit ihm tanzen...

 

Paperback, 188 Seiten

ISBN-13: 978-3-7412-8320-8

ISBN-13: 978-3-7431-3266-5

 

Als Taschenbuch (16,90 €) und als eBook (2,99 €) erhältlich!

 

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