Der Vampyr - Ein Seeabenteuer

Eine Seegeschichte von Friedrich Meister

Der junge Paul Wetter heuert auf der Korvette Wolf an. Die Reise führt die Mannschaft von Hamburg aus ins Mündungsdelta des Kongo, mit dem Auftrag, die dort tätigen Sklavenfänger aufzubringen. Gemeinsam mit seinem Vorgesetzten, Leutnant Langfeld, gerät er in die Gefangenschaft der Ureinwohner. Auf abenteuerliche Weise retten sich die beiden durch die Mangrovenwälder, bis sie endlich auf ihr Schiff zurückkehren können.

Aus dem Inhalt:

Die Gigmannschaft erhielt den Befehl, das Fahrzeug unter keinen Umständen zu verlassen und bereit zu sein, in jedem Augenblick davonzurojen, wenn wir zu einem eiligen Rückzug gezwungen werden sollten. Dann begaben der Kapitän und Leutnant Langfeld sich an Land, und ich hatte sie zu begleiten.

Das Ufer war halbflüssiger Schlamm, aus dem sich ein Mangrovenwald erhob. Wir waren gezwungen, hundert Schritt weit von Wurzel zu Wurzel zu springen und zu klettern, ehe wir festen Boden unter die Füße bekamen. Unmittelbar an den Mangrovengürtel schloss sich der eigentliche Wald, der des Unterholzes und der Schlingpflanzen wegen so dicht war, dass wir nur mit großer Mühe vorwärts kommen konnten. Der Kurs, den wir nach des Kapitäns Taschenkompass innezuhalten hatten, war Südsüdwest; es kostete uns zwei Stunden, um eine Strecke von kaum zwei Seemeilen zurückzulegen, und als wir dies vollbracht hatten, da sahen wir uns wieder an dem aus stinkendem Schlamm und Mangroven bestehenden Gestade eines etwa eine Kabellänge breiten Creeks, den der Kapitän für denselben erklärte, in dem unser Boot lag.

„Ich denke“, sagte der Skipper zu Leutnant Langfeld, „dass dies der Creek ist, den man uns bezeichnet hat, aber gewiss bin ich meiner Sache nicht. Es wäre bequemer gewesen, die Suche an Bord der Gig vorzunehmen, dabei aber hätten wir uns der Gefahr ausgesetzt, unversehens auf die Halunken zu stoßen und sie aufzustören. Außerdem hätten die aufgestellten Posten das Boot sicher entdeckt. Wenn hier herum wirklich Fahrzeuge liegen, dann haben sie auch Kenntnis von der Anwesenheit des Wolf im Kongo, das schließe ich aus dem verdächtigen Benehmen des Yankeeschiffers. Hoffentlich glauben sie an unseren „Jagdausflug“. Wir müssen versuchen, sie in Sicht zu bekommen, ohne selbst entdeckt zu werden.“

„Dadurch würde diese vertrackte Buschkriecherei reichlich aufgewogen“, bemerkte Langfeld. „Es sollte mich nicht wundern, wenn wir uns noch verirrten. Dort stehen einige mächtig hohe Bäume, von deren Toppen man sicherlich weit über Land und Wasser sehen kann. Ich schlage vor, Mr. Wetter entert auf einen hinauf und berichtet uns, was von dort oben in Sicht ist.“

„Eine gute Idee“, sagte der Kapitän. „Vorwärts, Mr. Wetter, zeigen Sie uns, dass Sie nicht bloß Masten, sondern auch Bäume erklettern können.“

„Zu Befehl, Sir“, antwortete ich, „aber“, hier musterte ich die gewaltigen, riesig hohen und glatten, astlosen Stämme der Waldriesen - „aber wo sind da die Wanten und Webeleinen?“ „Wanten und Webeleinen?“, lachte der Skipper. „Für einen fixen jungen Kerl muss es doch eine Kleinigkeit sein, an solch einer Spiere aufzuentern.“

Wir gingen an die Bäume heran, und da stellte es sich heraus, dass der höchste von ihnen volle fünfzehn Fuß Umfang hatte und erst in einer Höhe von sechzig Fuß die ersten Zweige hervorstreckte. Selbst ein Affe hätte an dieser glatten Rinde keinen Halt gefunden.

Mein Landsmann, Leutnant Langfeld, aber wusste Rat. Er schnitt ein langes Stück von einer blattlosen Liane ab und drehte davon einen weiten Grummetstropp rund um den Stamm, legte mir die Bucht über die Schultern und zeigte mir, wie man mit Hilfe eines solchen Stropps Bäume ersteigt.

Seinen Anweisungen folgend, brachte ich den Stropp unter meine Arme und schob den anderen Teil so hoch als möglich den Stamm hinauf. Dann lehnte ich mich mit meinem ganzen Gewicht in den Stropp zurück, stemmte die Knie gegen den Stamm und arbeitete mich so etwa zwei Fuß aufwärts. Darauf stemmte ich die Füße fest an den Baum, schob den Stropp mit schnellem Ruck weiter hinauf und arbeitete mich abermals mit den Knien empor. Das ging ganz gut, und wenn auch meine Kniescheiben, und noch mehr meine Hosen, durch mehrmaliges Abrutschen hart mitgenommen wurden, so hatte ich den Trick doch sehr bald weg und erreichte in kurzer Zeit die unteren Äste und dann auch den obersten Wipfel.

Hier bot sich mir ein weiter Rundblick über den ganzen Wald, über Teile des Stromes, über entfernte grüne Ebenen bis zur Küste und über die See dar. In der klaren Atmosphäre erkannte ich auch die Bramstengen des Wolf und der Pensacola, sogar den Wimpel der Korvette sah ich in der trägen Brise gelegentlich auswehen. Links davon lag die Kongomündung. Deutlich konnte ich die rippelnde Linie erkennen, wo Flusswasser und Salzwasser sich begegneten.

160 Seiten

ISBN-13: 978-3-7412-6395-8

ISBN-13: 978-3-7431-8485-5

Als Taschenbuch (12,99 €) und als eBook (2,99 €) erhältlich.

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