Die drei Kapitäne

Ein Seeabenteuer von Friedrich Meister

Aus dem Inhalt:

Da - was war das?

Dem Jungen sträubten sich die Haare, und es durchrieselte ihn eiskalt.

Denn aus der unverschlossenen Vorluk stieg eine Gestalt herauf, langsam und mühevoll, bleich, in Lumpen gehüllt und so abgezehrt, dass sie beinahe einem wandelnden Gerippe glich.

Paul saß ganz starr.

Was hatte das zu bedeuten? Sollte man ihnen das Schiff wieder entreißen wollen? Woher kam dieser Mann?

Während diese Gedanken ihm blitzschnell durch das Hirn flogen, erschien ein zweites Gespenst aus der Vorluk - dann ein drittes, ein viertes und endlich ein fünftes!

Fünf zerlumpte Männer, klapperdürr, mit zottigen Haaren und schrecklich hohlen Augen standen an Deck und betrachteten die auf der Großluk eingeschlafenen Schwarzen.

Paul vermochte sich nicht zu rühren; der Schwarze auf dem Ausguck aber vernahm hinter sich ein Geräusch; er wendete sich um, sah die Gespenster, stieß einen lauten Schrei des Entsetzens aus, sprang kopfüber ins Meer und schwamm aus Leibeskräften dem Land zu. Jetzt kam auch Paul zu sich. Zuerst wollte er eine Pistole abschießen, da aber gewahrte er, dass die fünf Männer nicht wie Piraten aussahen; sie waren Weiße, und als er genauer hinsah, erkannte er in ihnen Janmaaten, und zwar ganz unverkennbar deutsche Janmaaten. Die armen Kerle wankten vor Schwäche.

Paul fasste Mut, stieg an Deck hinab und ging, in jeder Hand eine Pistole, auf die Fünfe zu. »Wer seid ihr und was wollt ihr?«, fragte er mit starker, entschiedener Stimme.

Die Leute ließen ihn ruhig herankommen; sie hatten ihn auf den ersten Blick erkannt.

»Ach, junger Herr«, begann der eine mit matter Stimme, »Sie kennen uns wohl nicht mehr? Freilich, wenn ich mich selber und meine Maaten jetzt bei Tageslicht betrachte, dann wundert mich das nicht. Wir sind die Letzten von der Mannschaft, die Ihr Bruder, Keppen Reinhold Winter, in Danzig für die Hoffnung angemustert hat. Seit die Bark von den Piraten genommen wurde, lagen wir unten im Raum verstaut; zuletzt aber konnten wir’s vor Hunger und Durst nicht mehr aushalten, und da wagten wir uns an Deck. Sehen Sie uns nur recht an, junger Herr, dann werden Sie uns wohl wiedererkennen.«

»Ich erkenne euch nicht«, versetzte Paul, »aber ich glaube euch.« Dann ging er, stieß die noch immer schlafenden Schwarzen an und befahl ihnen durch Gebärden, für die fünf Verschmachteten etwas zu essen herbeizuschaffen. Die Schwarzen gehorchten, er selber aber holte einen Blechtopf voll Rum aus der Kajüte, den er am Wasserfass eigenhändig verdünnte, damit das starke Getränk den Leuten nicht schade.

Als die Matrosen im Logis bei einem reichlichen Mahl saßen, gab er einen Signalschuss ab und schritt dann, wie ein richtiger Befehlshaber, an Deck auf und nieder.

Die Landungsexpedition ließ nicht lang auf sich warten. Die unverständlichen Mitteilungen des an Land geschwommenen Schwarzen hatten sie bereits alarmiert. Mit Windeseile schoss das Boot heran. Reinhold sprang zuerst über die Reling.

»Was gibt’s, Paul?«, rief er atemlos. »Ist dem Vater etwas zugestoßen? Was meint der Schwarze, der fortwährend fünf Finger zeigte?«

Der Junge erstattete Bericht, während Hammer und Schlicht über die Reling kamen. Der Steuermann lief sogleich nach vorn ins Logis, wo er die armen Leute freudig begrüßte. Reinhold folgte ihm, sagte den Matrosen einige freundliche Worte und schüttelte ihnen der Reihe nach die Hände.

Nach einer Weile kam der Steuermann zurück. »Du hast wohl einen tüchtigen Schreck gekriegt, Paul, als die unerwarteten Gäste aus dem Versteck kamen?«, sagte er lachend.

»Im ersten Augenblick gewiss«, antwortete der Junge. »Ich sah jedoch bald, dass ich von ihnen nichts zu fürchten hatte, da sie sich selber kaum auf den Beinen halten konnten.«

»Wir müssen sie gut füttern, damit sie bald zu Kräften kommen«, sagte Kapitän Hammer. »Sie sollen uns gute Dienste leisten. Jetzt sind wir übrigens gemachte Leute, Paul.«

»Wieso, Onkel Martin?«

»Nun, wir haben den Schatz gefunden.«

»Ja, richtig, den Schatz! Den hatte ich ganz vergessen!«

»Der ist nun unser!«

»Unser? Stephens hat ihn doch entdeckt; ist er nicht sein?«

»Stephens ist tot. Ein Felsstück, das von dem Gewölbe der Höhe gefallen ist, hat ihn erschlagen, nachdem er bereits einen Teil des Schatzes in die äußere Höhle geschafft hatte. Jetzt sind wir die rechtmäßigen Eigentümer.«

Als Taschenbuch (9,99 €) und als eBook (2,49 €) erhältlich.

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