Dunkle Mächte

Spiritistenroman von Victor Blüthgen

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»So«, sagte sie, »nun leg mal die Zeitung fort, es kann losgehen.« Er gehorchte und legte, gleich ihr, zwei Finger auf den Glasboden. Eine Weile war es still, nur die Flammen im Kamin flackerten ihr unheimliches Leben und an der Hängelampe sirrte es leise in dem einen Glühlicht. »Die Finger werden warm«, meinte Frau Paula halblaut. »Es kribbelt mir in den Spitzen. Fühlst du es auch?« »Gewiss, das ist ganz natürlich.« Auf einmal begann das Glas sich zu bewegen, rutschte und beschrieb ein paar kleine Kreise.

»Gott zum Gruß, sind Geister hier?«, fragte Frau Paula nach dem Rezept von Wellmer erregt.

Das Glas rutschte unaufhaltsam nach der Ecke hin, in der das Ja stand, kreiste dort ein paarmal und blieb unbeweglich stehen. Der Professor sah seine Frau misstrauisch an. »Du schiebst, Frau«, sagte er.

»Bei Gott nicht!«, beteuerte sie. »Du auch nicht?«

»Wenigstens nicht bewusst und mit Absicht.«

»Willst du deinen Namen sagen?«

Das Glas rutschte und beruhigte sich wieder auf ja.

»So sage ihn.«

Das Glas setzte sich in Bewegung, die beiden machten gespannte Gesichter. Nach einigen Bogen blieb es auf o; dann ergab es in rascher Folge t-t-o.

»Aha, das ist der Otto von Wellmer, der Kontroll-Otto, wie der ihn nannte«, meinte Frau Paula überrascht.

Jetzt schlug das Glas wieder einen Bogen und kehrte auf die Mitte zurück.

»Bist du der Kontroll-Otto?«

»Ja.«

Die beiden sahen sich sprachlos an.

»Witzig ist das«, sagte der Professor. »Aber ich zweifle nicht, dass wir den Gang des Glases unbewusst beeinflussen.«

»Weiter!«, rief Frau Paula mit leuchtenden Augen. »Wer hat dir den Namen Kontroll-Otto gegeben?«

Das Glas buchstabierte: »Wellmer.«

»Weshalb denn?«

»Weil er ein Zigeuner ist.«

Das Paar lachte auf. Frau Paula fragte nach dem eigentlichen Namen. »Moritz Otto.« Ob er der Geist eines Verstorbenen? »Ja.« Wann er gestorben? »1245.« Wo? »In Ulm.« Was er bei Lebzeiten gewesen? »Klarinettist.« Wie sein Vater geheißen? »Rudolf Otto.« Was dieser gewesen? »Klarinettist.«

»Wenn das wahr ist, blas uns etwas vor!«, rief Paula übermütig.

Das Glas setzte sich langsam in Bewegung, schlug Kreise, schneller und schneller, sie vermochten beide kaum die Finger auf dem Glase festzuhalten. Dabei entstand ein quietschendes Geräusch, das sich zu einem ohrenzerreißenden Kreischen verstärkte. Der Professor lachte: »Nun, das scheint ja ein vergnügter Herr zu sein. Warst du verheiratet?«

Das Glas beruhigte sich plötzlich und ging auf nein.

»Aber du hattest sicher eine Liebste. Wie hieß die?«

»Katharina.«

»Bist du eines natürlichen Todes gestorben?«

»Nein.«

»Auf welche Art denn?«

Das Glas rutschte ohne Ergebnis hin und her.

»Nun? Gib uns doch Auskunft!«

Plötzlich stand das Glas und fuhr stracks in die Ecke, wo geschrieben stand: Ich will nicht.

Der Professor nahm die Finger vom Glas. »Paula, du drückst doch auf das Glas.« Sie sagte: »Nein, wahrhaftig nicht, ich habe keine Ahnung von dem, was kommt. Ich meinte schon, du stäkest dahinter. Wir wollen ganz ehrliches Spiel spielen, Felix, gib mir dein Wort darauf!«

»Gewiss! Diese Sache fängt doch an, mich zu interessieren. Sie ergibt zum Mindesten ein psychologisch-physiologisches Rätsel. Fragen wir den Herrn weiter.« Sie legten wieder die Finger auf.

»Kannst du in die Ferne sehen?«

»Ja.«

»Weißt du, wo meine Mutter ist?«

»In Wernigerode.«

»Was tut sie jetzt?« Sie zog die Uhr, diese zeigte auf 11¾.

»Sie schläft.«

»Wo war sie wohl heute Nachmittag?«

»Bei Feuersteins.«

»Du meinst wohl Feuerleins?«

Das Glas wiederholte »Feuersteins«, fuhr dann zögernd von einem Buchstaben des Alphabets zum anderen und zeigte darauf wie mit raschem Entschlusse die andere Namensform.

»Was tat sie dort?«

»Krank.«

»Ist jemand bei Feuerleins krank?«

»Frau Feuerlein.«

»Schwer?«

»Ja.«

»Wird sie sterben?«

»Nein.«

Feuerleins waren nahe Freunde ihrer Familie, und sie machte ein betroffenes Gesicht. »Jetzt schreibe ich aber auf der Stelle an meine Mutter, da werden wir ja hören, ob es stimmt«, sagte sie.

Paperback

260 Seiten

ISBN-13: 978-3-7431-8138-0

ISBN-13: 978-3-7431-3308-2

Als Taschenbuch (14,99 €) und als eBook (4,99 €) erhältlich.

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