Eine Affenkomödie

Humoristischer Kriminalroman von Robert Kohlrausch

Aus dem Inhalt:

Sie nannten ihn das »eine Auge der Gerechtigkeit«. Es war nicht schön von den Leuten; aber man weiß ja, dass die Spottlust der Menschen auch vor den höchsten Autoritäten nicht Halt macht, weder vor Päpsten, noch vor Königen, weder vor Schwiegermüttern, noch vor der Polizei. Wahrhaftig, sogar diese beste Freundin aller gesitteten Staatsbürger ist nicht sicher vor schlechten Witzen. Und so war auch der Herr Oberregierungsrat Bornträger, vielgefürchteter Chef der Sicherheitspolizei, mit einem Spottnamen bedacht worden.

Auf das Monokel, das er trug, besaß er als Reserveoffizier der Kavallerie ein wohlbegründetes Anrecht, und seine Schuld war es doch sicher nicht, wenn die Nase in seinem runden Gesicht so kurz geraten war, dass er die sonderbarsten Manöver machen musste, um jenes zweckloseste aller Marterinstrumente vor seinem rechten Auge notdürftig festzuhalten. Dass er dazu dies Auge selbst vollkommen zukneifen musste, wäre an sich nicht so schlimm gewesen; denn durch ein Monokel hat wohl noch niemals irgend ein Mensch irgendetwas gesehen. Aber diese freiwillige Einäugigkeit war auch der Anlass zu dem hässlichen Spitznamen, den der Herr Oberregierungsrat nun durchs Leben schleppte und womit nebenbei seinen vielen Untergebenen bitteres Unrecht geschah. Denn es gab nicht nur dies eine, sondern Hunderte von Augen der Gerechtigkeit, die mit Selbstverleugnung wachten, suchten und spähten.

In dieser Frühlingsdämmerstunde, die so hell war, als wenn die Sonne sich freute, jetzt nicht mehr so zeitig wie ein Kind ins Bett geschickt zu werden, war das bewusste eine Auge außer Dienst und erfreute die heimischen Räume in der königlichen Polizeidirektion mit seinem Leuchten. Es war ein großer, heller, modern möblierter Salon ohne jeglichen polizeilichen Beigeschmack, wo der Herr Polizeichef eins der Abendblätter las. Außer ihm waren noch drei lebende Wesen im Zimmer: ein Papagei und zwei Damen.

Der graue Papagei saß auf einer hohen Stange, die jüngere der Damen - sie mochte die Dreißig eben erreicht haben - in einem dunkelroten Klubsessel, die ältere der beiden in einem häufig knarrenden Rohrstuhl, den ein sogenannter Thron in der einen Fensternische trug. Das war Tante Aurelie, die Schwester von der verstorbenen Mutter des hochwohlgeborenen Herrn Bornträger, nahezu zwanzig Jahre älter als er, klein, dicklich, in sich zusammengesunken und so stocktaub, dass nur bei besonders günstigem Wind - sie behauptete, Südwest wäre der beste - ein Wort aus Menschenmund an ihr Ohr drang. In dieser notgedrungenen Einsamkeit schuf sie sich ihre besonderen Freuden, unter denen es die größte war, dort am Fenster zu sitzen und in einem jener Spiegelapparate, die man Spione heißt, jeden Vorgang aus der Straße mit Eifer zu verfolgen.

Sie kannte die ganze Nachbarschaft mit all ihren Eigenheiten und Schwächen, und ihre Beobachtungsgabe oder ihre Phantasie war so stark, dass es manchmal schien, als ob sie mit Hilfe ihrer Spiegel durch die Mauern hindurch in das Innere der Häuser hineinschaute. Wenn aber irgendetwas ihr besonders interessant vorkam, dann teilte sie sich der Außenwelt in einer Bemerkung von kurzem und geheimnisvollem Telegrammstil mit, und jetzt eben waren kaum fünf Minuten vergangen, seit sie ihre Angehörigen durch die Mitteilung über irgend einen geheimnisvollen Nachbarn erfreut hatte: Jetzt brennt er doch wieder Briketts.

Robert Kohlrausch wurde 1850 in Hannover geboren und starb 1934 in München. Er arbeitete als Architekt, Journalist und ist Autor mehrerer Kriminalromane.

Paperback, 292 Seiten

ISBN-13: 978-3-7431-6691-2

ISBN-13: 978-3-7431-2342-7

Als Taschenbuch (16,80 €) und als eBook (4,99 €) erhältlich!

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