Hesperiden Teil 1: Kinder- und Volksmärchen

Neunzehn bezaubernde Kinder- und Volksmärchen von Victor Blüthgen

Leseprobe: Die Unglücksraben

Eine alte Waldfrau hatte neun Enkelkinder, die nahm sie alle, da ihre Eltern starben, zu sich in den Wald. Es waren aber acht davon Brüder und nur das jüngste war ein Mädchen. Das war so schön wie der lichte Tag, hatte Haut wie Wachs, Haar wie Flachs, Augen so blau wie ein See, eine Gestalt so schlank wie ein Reh, und das Herz war das allerbeste an ihr; und wenn sie einmal in den Wald gegangen war, so war es den Brüdern im Haus, als ob die Sonne untergegangen wäre. Freilich blieben die Brüder den Tag über selten zu Hause, dann sie waren Jäger und durchstreiften den Wald nach Wildbret. Das musste die Schwester braten, und dazu aßen sie Beeren, welche diese gesucht hatte, auch Obst von den Bäumen, die um das Haus herum wuchsen, und mancherlei Gemüse aus dem Garten. Und wenn sie durstig waren, so tranken sie von einem Brünnlein, das aus dem Felsen quoll und dessen Wasser sie zum Kochen und Waschen in einen Ziehbrunnen leiteten und sammelten. Die Waldfrau aber war eine Zauberin und aller Kräuter kundig: sie heilte sie, wenn eine Krankheit über sie kam; und so lebten sie alle zusammen ein paar Jahre sehr glücklich und zufrieden.

Eines Morgens nun zogen sieben der Brüder in den Wald auf die Jagd; nur der jüngste blieb im Haus, um es zu bewachen. Die Schwester hatte allen einen Kuss zum Abschied gegeben und stand auf der Treppe, die in den Garten hinunterführte. Wie sie sich jetzt zum Garten hin umdrehte, sah sie die Feuerlilien, die gleich vorn unter dem Apfelbaum wuchsen, und dachte: heute will ich einen Strauß pflücken. Darauf stieg sie die Steintreppe hernieder, kniete auf ihr Kleid und brach eine der großen Blumen vom Stängel. „Rab!“, sagte es mit einem mal unten, und ein junger Rabe flog auf, als käme er aus dem Feuerlilienbusch, und ließ sich zur Seite auf der Treppenmauer nieder. Sie erschrak, dachte aber an nichts Böses und pflückte eine zweite Blume. Und richtig flog ein zweiter Rabe davon und nahm auf dem Brunnenrohr Platz.

„Ei“, sprach das Mädchen, „wo mögen die versteckt gewesen sein?“ Und als sie gleich zwei Lilien auf einmal abriss, schrie es „Rab!“ „Rab!“, und zwei Raben huschten aus den Blättern und begaben sich kreischend davon.

Dem Mädchen kam das spaßhaft vor, und es wollte eben die fünfte Blume pflücken, da hörte es eine Stimme hinter sich sprechen: „Ach du lieber Gott, was hast du getan!“, und wie es sich umsah, stand die Waldfrau da und machte vor Schrecken Augen so groß wie Taubeneiner.

„Was denn, Großmutter?“

„Ach, Kind, das sind Unglückslilien, denn gestern Nacht habe ich alles Unglück hineingebannt, das euch bedrohte, und wenn die Lilien verwelkt wären, so konnte euch nichts geschehen. Nun hast du vier davon gebrochen, und viererlei Unglück ist frei geworden und fliegt als vier Raben in die Welt hinaus!“ ...

Paperback, 188 Seiten

ISBN-13: 978-3-7431-4096-7

ISBN-13: 978-3-7431-7132-9

Als Taschenbuch (16,80 €) und als eBook (4,99 €) erhältlich.

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