Im schwarzen Fleet

Im schwarzen Fleet

Zwei Erzählungen von Friedrich Meister

Schauplatz der Erzählung ist die alte Hansestadt Hamburg. Im schwarzen Fleet, einer der verruchtesten und heruntergekommensten Gassen, lebt Paul, ein ehemaliger Theologiestudent. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Menschen dort zu helfen. Sein Vetter Henry, Lebemann und Präsident des berühmten Salanganen-Klubs, unterstützt ihn finanziell, um sein Gewissen zu beruhigen. Als Paul an den Pocken erkrankt, nimmt die Geschichte eine ungeahnte Wendung.

Aus dem Inhalt:

Henry Lubau war noch vor wenigen Jahren der berühmteste und bekannteste Vertreter der Goldjugend in der alten Freien und Hansestadt Hamburg. Er gehörte zu derjenigen Klasse reicher und unabhängiger junger Männer, die in keinem anderen Teil unseres Kontinents so eigenartig gedeihen, wie gerade auf dem Boden der mächtigen und blühenden Seestadt. Man findet in ihr weder die blasierte Übersättigung der jungen ‚Löwen‘ der in allen Torheiten tonangebenden Seine-Stadt, noch die Überhebung des Nachwuchses der Geld- und Adelsaristokratie der Reichshauptstadt an der Spree.

Der reiche junge Hamburger hat in seinem Wesen einen sehr bemerkbaren internationalen Zug; seine Vorfahren sind handeltreibende Schiffsreeder gewesen, die einen großen Teil des Weltmarktes beherrschten und wohl auch Besitzungen in überseeischen Ländern erworben hatten. Er hat seine Jünglingsjahre, nachdem er eine der hohen Schulen seiner Heimat durchlaufen hat, teils auf weiten Reisen zu Land und zu Wasser, teils in den Kontoren befreundeter Kaufherren in Brasilien, in Chile oder Bolivia, in China, Japan oder Ost-Indien zugebracht und ist dann, gebräunt von der Sonne heißerer Zonen und gereift an Charakter und Anschauungen, in die Vaterstadt zurückgekehrt, um entweder der jüngere Chef des väterlichen Handelshauses zu werden oder sein Erbe anzutreten und ‚vorläufig‘ nach einer arbeitsvollen Jugendzeit ein wenig den müßigen Mann zu spielen.

Zu den letzteren gehörte Henry Lubau. Er stammte aus einer der ältesten Patrizierfamilien, die in den Zeiten der Blüte des Hansabundes der nordischen Meereskönigin manchen kriegerischen Admiral, manchen ehrenhaften Senator und sogar einen Bürgermeister geschenkt hatte. Es rollte edles Blut in seinen Adern, sonst hätte er das auch nicht vollbringen können, was in dieser Geschichte der Mit- und Nachwelt erzählt werden soll. Von Geschlecht zu Geschlecht hatten Glück und Verdienst immer neue Ehren und Reichtümer auf die vornehme Familie Lubau gehäuft; Henry war der jüngste und einzige männliche Spross der Familie, und auf ihn kann das Wort angewendet werden, dass der wärmste Sonnenschein die beste und würzigste Frucht zeitigt – allerdings auch das schnödeste Unkraut.

Henry Lubau aber war eine auserwählte Frucht von einem auserwählten Stamm. Das wusste nicht nur die gesamte Patrizierwelt des großen Hamburger Stadtgebietes, das wusste auch ganz besonders der Salanganen-Klub.

Wer hätte nicht vom Salanganen-Klub gehört? Zur Zeit dieser Geschichte zählten die besten der jungen, vornehmen Söhne Hamburgs zu seinen Mitgliedern, und Henry Lubau war sein Mittelpunkt und Lebensnerv, er, dessen Antlitz, wie die ‚Salanganen‘ meinten, dem großen britischen Reiche glich, weil es zu keiner Tages- und Nachtzeit des Sonnenscheins entbehrte. Sein stets heiteres Gemüt, seine Liebe zur Geselligkeit, seine feinfühlende Teilnahme für jeden Menschen der mit ihm in Berührung kam, sein schnelles Verständnis für die guten Seiten anderer, das alles hatte ihm die unbestrittene Herrschaft über die gesamte Hamburger vornehme Gesellschaft erworben, und das will in den Kreisen der vornehmen Handelsfürsten etwas bedeuten.

64 Seiten

ISBN-13: 978-3-8482-2206-3

ISBN-13: 978-3-7412-9682-6

Als Taschenbuch (4,90 €) und als eBook (0,99 €) erhältlich!

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