Märchen von Luise Pichler

Zauberhafte Märchen für Erwachsene

Leseprobe: Merlin

Es war einmal ein Mann, der hieß Merlin, der lebte an des Königs Hof und war hochgeachtet wegen seiner Weisheit und seines gerechten und wohltätigen Lebens. Gott hatte ihm ungewöhnliche Gaben verliehen; er kannte die Kräfte aller Pflanzen und Kräuter, womit er Kranke heilte; auch vermochte er in den Sternen zu lesen und die Sprache der Tiere zu verstehen. Dadurch brachte er manche Übeltat ans Licht und hinderte manches Böse. Aber er bekam eben dadurch auch Feinde, die ihn zu verderben beschlossen. Diese gingen eines Abends zum König, um Merlin zu verleumden, als ob er den König vom Thron stürzen und sich selbst auf den Königsthron setzen wolle. Darüber ergrimmte der König und gab ihnen seine Leibwache, mit deren Hilfe sie Merlin greifen und vor ihn bringen sollten, dass er verhört und verurteilt werde.

Der König aber besaß ein kleines, weißes Hündchen, dem einst ein böser Bube mit einem Stein ein Bein abgeworfen hatte. Merlin hatte es geheilt, so dass das Hündchen gehen und laufen konnte wie zuvor und nicht mehr hinkte. Seitdem war das Hündchen sehr anhänglich an Merlin und erfreut, so oft er zum König kam.

Als es nun hörte, was von Merlins Feinden in des Königs Gemach verhandelt wurde, da suchte es durch die Tür zu entkommen und lief eilends zu Merlins Haus. Dort bellte es laut, um ihn aus dem Schlaf zu wecken.

Merlin aber schlief nicht, sondern stand auf dem Dach seines Hauses und schaute nach den Sternen, denn er hatte dort gesehen, dass ihm eine Gefahr drohe, aber er wusste nicht, woher sie käme.

Da hörte er das Bellen des Hündchens; das sagte ihm, da er seine Sprache verstand, die Worte:

Flieh, Merlin, flieh Merlin.

Schon heran die Feinde ziehn!

Als Merlin nun das weiße Hündchen erkannte, das dem König gehörte, so erriet er, was geschehen war, denn er wusste wohl, dass er Feinde und Neider am Hof habe, die ihn zu verderben trachteten. Er überlegte auch, wenn sie ihn gefangen zu dem König führen, so werde er seine Unschuld nicht beweisen können, und wenn seine Feinde falsche Zeugnisse beibringen, so sei er verloren. Darum beschloss er, sich zu flüchten, und hoffte, dass mit der Zeit doch die Wahrheit und seine Unschuld ans Licht kommen werden.

Indem er sich nun mit einem Stück Brot und etwas Obst versah, ein Messer in die Tasche und ein Beil in den Gürtel steckte, und einen großen Stock mit stählerner Spitze zur Hand nahm, der ihm als Waffe und als Stütze dienen konnte, waren seine Feinde mit der Leibwache des Königs herangekommen und hatten in aller Stille die Ausgänge des Hauses besetzt. Doch das Hündchen bellte wieder:

Schon umstellt ist das Haus,

Auf den Baum steig hinaus!

Merlin maß mit seinem Blick den großen Baum, der zur Seite des Hauses stand und mit seinem Gipfel das Dach überschattete. Weil er nun von schlanker, geschmeidiger Gestalt war, gelang es ihm leicht, sich auf die grünen Äste desselben zu schwingen. Von dort gelangte er auf einen zweiten Baum daneben und von da über die Gartenmauer ins freie Feld.

Währenddessen hatten die Feinde sich gierig ins Haus gestürzt, um ihn zu greifen. Das Hündchen sprang ihnen voran, als ob es ihnen helfen suchen wollte, und führte sie bellend von Stube zu Stube, hinauf in die Kammern des Dachbodens und hinab in den Keller. Es schnobberte eifrig hinter den Holzstößen und unter den Fässern, als ob hier jemand versteckt wäre, so dass sie suchend sich immer länger aufhielten und stundenlang in den Schlupfwinkeln des Hauses zubrachten. Merlin hatte indessen längst das Weite erreicht und niemand konnte ihn mehr einholen. Getäuscht mussten die Feinde endlich das Haus verlassen und mit der Nachricht zum König zurückkehren, dass Merlin entflohen sei. Darüber zürnte der König, schalt sie, dass sie ihren Auftrag schlecht ausgeführt haben, und verbot ihnen, wieder vor sein Angesicht zu kommen, bis sie Merlin aufgefunden hätten.

Merlin aber hatte mit Tagesanbruch einen großen Wald erreicht, der sich einige Tagereisen weit über ein Gebirge hin erstreckte und wilden Tieren aller Art Aufenthalt bot. Man durfte ihn nicht ausroden, denn es kamen die stärksten Flüsse von dort her, und es ging die Sage, dass wenn der Wald gefällt würde, die Flüsse vertrocknen müssten und das ganze Land unfruchtbar werden würde. Darum war Merlin gewiss, dass er hier nicht aufgefunden werden würde, und er wanderte fort, bis er müde geworden war. Da lagerte er sich im Schatten einer Eiche aufs Moos, sättigte und labte sich an Brot und Obst und fiel in sanften Schlaf.

Er hatte eine Weile geschlummert, da weckte ihn eine klägliche Stimme: »Wehe, wehe! Hilfe, Hilfe!«

Als er sich umsah, sah er vor sich im Gras weidend ein Reh mit zwei Jungen, deren eines ein Fuchs gepackt hatte, um es eben in seine Höhle fortzutragen.

Rasch sprang Merlin auf und schwang den gewaltigen Stock gleich einem Wurfspieß nach dem Fuchs.

»Lass mir das Rehlein, das ich erjagt; ich weiß einen Schatz von eitel Silbermünzen, der ist in einem hohlen Baum versteckt, ich will ihn dir weisen«, rief ihm der Fuchs zu.

»Ich will dein Silber nicht«, sprach Merlin und schleuderte den Stock so, dass er den Fuchs an der Schnauze verwundete. Der ließ das Rehlein fallen und schlich sich davon, im Gehen aber knurrte er:

Will’s gedenken, will dich kränken,

Warte nur, ich verfolge deine Spur.

Paperback, 100 Seiten

ISBN-13: 978-3-7431-8168-7

ISBN-13: 978-3-7431-4782-9

Als Taschenbuch (9,80 €) und als eBook (6,99 €) erhältlich.

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